Ich liebe Sourcing. Ich liebe Plattformen. Und ich liebe Kommunikation. Ich liebe es die Systematik, Funktionen und Eigenheiten der Plattformen zu verstehen – Datensätze und Syntax der Suche zu verstehen. Jeden Winkel der Datenbank Schritt für Schritt – sehr dokumentiert – zu durchleuchten.

Ja, wenn ich ehrlich bin, das macht mir EXTREM viel Spaß. In die Zielgruppe hineindenken, zu überlegen wie pflegt jemand sein Profil, wie ist es aufgebaut! Alles das, macht mir Spaß.

Genauso viel Spaß macht es mir dann aber auch, die gefunden Person wertschätzend und auf Augenhöhe anzusprechen und zu begegnen. Ja, das macht mir extrem viel Spaß. Weil es dann diesen Tekki-Part der Identifikation im Sourcing mit dem sehr emotionalen und emphatischen Part der Kommunikation / Erstansprache verbindet.

Diese Kombination ist genau MEIN WETTER! Und deshalb bin ich derzeit sehr gut aufgehoben im Sourcing – glaube ich ;-).

Und genau hier habe ich mittlerweile ein Problem.

Vorsicht – SPOILER:

Ab hier wird es sehr emotional! Ich hab mir den Beitrag 2 Tage nach schreiben nochmals durchgelesen. Kurz nachgedacht ob ich ihn „entschärfen“ sollte – aber NEIN! Ich wollte die Emotionen hier nicht rausnehmen, denn das Thema ist einfach ein sehr emotionales für mich.

Ja, wirklich ein Problem. In den letzten Jahren ist viel über Professionalisierung im HR und im Recruiting gesprochen worden. Es ist viel darüber geschrieben und gesprochen worden, das HR und Recruiting nicht ernst genommen wird – vom Fachbereich, Marketing aber auch von den Zielgruppen.

Krieg die Kurve Jan – werdet ihr euch jetzt sicherlich denken. Komm zum Punkt, warum schaufelt sich Sourcing und Netzwerken sein digitales Grab?

Um meine Emotionen und auch die Aussage zu verstehen und einordnen zu können, habe ich euch 3 kurze Beobachtungen in den letzten Jahren – und verschärft in den letzten Wochen und Monaten – zusammengefasst:

Beobachtung I:

In den letzten Wochen habe ich viele, ja wirklich sehr viele blinde Kontakt(-Anfragen) von Dienstleistern (Recruiting Umfeld), Recruitern und HR Manager bekommen. Wirklich viele. Mehr zur Einordnung dieser Nachrichten dann weiter unten.

Ich habe mich die letzten Wochen extrem lange mit Stefan Reiser über einige dieser Nachrichten privat ausgetauscht. Erst haben wir darüber gelacht, dann hat uns aber beide schnell ein komisches Gefühl gepackt. Kennt ihr das? Wenn es so langsam kalt den Rücken runter läuft – genau dieses Gefühl hatte ich dann nämlich. Mehr dann gleich weiter unten.

Beobachtung II:

Die Qualität der Kommunikation egal ob während oder nach einer solchen Kontaktanfrage ist erschreckend. Kontaktanfragen als Massenmail Vorbote. Akquisemails ohne persönliche Ansprache – ohne jeglichen Bezug zur Kontaktanfrage oder zum eigenen Profil. Beim Remindern noch weniger auf das Profil eingehen. Beim Kontakt und Nachfragen zum Produkt und zur eigenen Situation wird auf ein Gespräch mit dem „Supervisor“ oder „BlaBlaBla Manager“ verwiesen.

Ich braucht ein Beispiel für die Beobachtungen?
Gerne:

Nachricht 1

Beobachtung III:

Ich konnte leider weder auf der Sourcing Summit in Amsterdam noch auf dem The Future of Recruiting Barcamp in Hamburg sein. Der Relaunch der Website und wirklich geile Kundentermine – haben mich verhindert. Und trotzdem versuche ich immer mein digitales Ohr dran zu haben an den Veranstaltungen. (TWITTER LEUTE – nutzt Twitter – so ganz nebenbei mal gesagt 😉 )

Und so habe ich die Diskussion rund um Michael Witts Vortrag und seine These: Active Sourcing ist tot – mitbekommen.
Ich hab natürlich auch kurz geschluckt – ganz klar. Der Satz ist ähnlich reißerisch wie dieser Blogpost-Titel hier.
Aber zu Ende gedacht und mehrere Parameter mit eingerechnet – hat Michael vollkommen recht. Auch das ist eine der Beobachtungen von mir. In mehreren WhatsApps mit Michael haben wir dazu diskutiert und wir kamen beide zu dem Schluss:

In der Art und Weiße wie Active Sourcing – und für mich ist es dann zum Großteil eben auch NETZWERKEN – zum Teil implementiert UND GELEBT wird – wird es (hoffentlich) sterben.

Egal ob vom Unternehmen (Corporate) oder vom Dienstleister – FETTER PUNKT von mir.

Wie verargumentiere ich diese Aussage jetzt weiter?

Zurück zu Beobachtung I und zu den Nachrichten der Dienstleister – der eigentliche ausschlaggebende Grund für diesen – leider düsteren – Blogpost.
Ich bekomme am Tag sicherlich 20-30 Kontaktanfrage auf LinkedIn und Co. Davon sind mehr als die Hälfte von Recruitern und/oder Dienstleistern. UND MIT SICHERHEIT mehr als 90% davon OHNE NACHRICHT! (Call me crazy – ich messe das)
Jetzt bleiben wir mal auf LinkedIn – wo für mich derzeit die Schandtaten sogar noch größer sind.
Hier ist es möglich – ab dem Besitz eines Basis-Accounts – einer Kontaktanfrage 300 Zeichen Text hinzuzufügen.
Auf XING ist das nicht so – da sieht das Spiel dann nochmal etwas anders aus – ich gebe recht. (Aber wer von Professionalität und Qualität spricht – sollte dann auch intern einen Premium Account argumentieren können – ein paar Ideen dazu folgen später.)

Warum schaffen wir es dann nicht, jemanden einen kurzen Text zu schreiben, woher oder warum die Anfrage kommt? Was das Ziel ist oder wie das weitere Vorgehen dazu ist? Warum nicht? Was hindert uns / euch daran?

Ja, auch ich schicke mal schnell eine Anfrage raus oder klicke ausversehen auf „vernetzen“ in einem Bereich des Netzwerks wo ich keinen Text hinzufügen kann – passiert – ist menschlich! Dann bekommt derjenige im Nachgang aber noch eine Nachricht von mir, warum das passiert ist und was mich an dem Profil interessiert hat.

Weiter im Text:
Was nach so einer (Kontakt-)Anfrage -ohne Text- von den oben genannten passiert ist die eigentliche SCHEI**, welche die Plattformen sterben lässt. Und damit meine ich:

DESHALB verlassen unsere Zielgruppen diese Plattformen Leute – ganz einfach.
Weil wir als Recruiter noch immer nichts verstanden haben über diese Portale, die Zielgruppe und Kommunikation.
Wir alle sind Teil dieses Spiels und sorgen dafür oder sorgen eben NICHT dafür das es funktioniert.

Ich nehme mir nach so einer „anonymen“ Anfrage kurz die Zeit, schaue mir das Profil an von demjenigen der mir eine Kontaktanfrage schickt und schreibe ihm dann eine persönliche Nachricht (ja, Teile dieser Nachricht sind automatisiert – jeder der in einem unserer Active Sourcing Training war kennt das) aber, ich nehme mir immer die Zeit das Profil anzusehen und eine persönliche/menschliche Nachricht zu senden.

Was dann häufig zurück kommt – ODER EBEN AUCH NICHT (Leute, die Anfrage kam von euch – ein Lebenszeichen wäre schon ganz cool), lässt mich einfach nicht mehr an die Professionalität in unserer Branche glauben:

Eine Massenmail, (von automatisiert möchte ich nicht sprechen – daran glaube ich bei den Absender ehrlich nicht mehr) – COPY PASTE – OHNE persönliche Ansprache – Marketing-Bullshit vom Feinsten und zum Schluss – melden Sie sich doch gerne per Mail. Signatur – SCHEI*E
BÄÄÄÄÄM – in your Face! (Siehe Beispiele oben)

Nachricht 2

Und das von jemanden der in seinem Profil stehen hat: „We ROCK YOUR DIGITAL Business“ – Na herzlichen Glückwunsch…. Digital at it’s best!

Welchen Mehrwert bietet ihr damit eigentlich – außer das ihr eure persönliche Marke und die Marke eures Arbeitgebers oder Unternehmens zerstört???!

Das ist die größte SCHAUFEL die ich je gesehen habe! In unserer Hand. Glaubt mir! Und ich halte eigentlich einiges aus.

Puhhhh… ich brauch gerade wirklich kurz um das alles zu verdauen und sacken zu lassen was da in mir brodelt.

Ja, manche Mails gefallen mir persönlich einfach nicht so gut, bzw. sprechen mich als Person nicht so an. Da kann man sagen – hmmmm… hat sich derjenige vll. mit meinem Profil nicht auseinandergesetzt. (P.S.: Da gibt es sowohl auf XING als auch auf LinkedIn genüüüüügend Ansatzpunkte um mir sehr persönlich zu schreiben). Aber gut, das hat auch was mit der Person gegenüber zu tun – ich verstehe das. Nicht mit jedem funkt es sofort – das muss auch vll. gar nicht sein. Aber Wertschätzung und Augenhöhe darf man erwarten.

ABER – COPY PASTE – MASSENMAIL – WTF??!

Und jetzt wundern wir uns warum die Response Rate auf den Plattformen so nach unten gehen? ARE YOU SERIOUS?
Klar, das die Mitglieder keinen Bock mehr auf XING und LinkedIn haben.
Aber gut, müssen wir halt auf die nächste Plattform mit Mistgabeln und Fakeln los. Masse wird es schon richten – Hauptsache reinschaufeln in den Trichter. Dann halt auf Stackoverflow, Github, Reddit, Tumblr, Dribble, Facebook, Twitter, YOU NAME IT und Co.!!!! YAAAY!

Apropos Mistgabeln und Fackeln:

Woher diese vermeintliche Taktik –
1. Kontaktanfrage senden ohne Nachricht
2. Massenmail hinterher kloppen
– herkommt ist schon klar. KEIN BEZAHLACCOUNT.


Das böse LinkedIn / XING / etc. lässt mir in der Anfrage ja gar nicht die Möglichkeit meine Bullshit-Marketing-Nachricht reinzuschreiben.
Mann echt……
Und wir sprechen von Professionalisierung. DAS da oben hat für mich dann nämlich auch nichts mit Guerilla, Querdenken oder cooler Idee zu tun.

DAS ist NICHT professionell. So wird das nichts Leute. Egal ob Inhouse oder vom Dienstleister.
Trackt ihr denn nicht was ihr da macht? Responserate geringer 10%? Eure Reputation (online wie offline) wird schlechter?

Professionell heißt:
Business-Case rechnen – Zielgruppe und eigene Vision / Mission verstehen – Mitarbeiter qualifizieren – Maßnahmen messbar machen – den passenden Dienstleister auswählen – schnell aus kleinen Fehlern lernen – Mitarbeiter ermutigen! Das ist für mich Professionalität.

Und da ich diesen oben geschriebenen Trend einfach sehe und ja auch messbar machen kann, komme ich zu folgendem Entschluss:

Sourcing und Netzwerken schaufeln sich gerade ihr digitales Grab!

Gut am schaufeln ist, das man noch nicht tot ist.
Für mich gibt es noch Hoffnung, aber nur, wenn wir endlich unsere Sachen zusammenbekommen und Professionalität leben!

Das musste einfach mal runter von der Seele Leute. DANKE für’s virtuelle auskotzen ;-).

Jetzt seid ihr dran:

Wie seht ihr das? Habt ihr ähnliche Erfahrungen gemacht?
Welches Feedback bekommt ihr? Lasst uns bitte darüber diskutieren – nicht nur hier! Teilt den Beitrag gerne, denn nur wenn viele von dem Wind mitbekommen können wir in die richtige Richtung segeln!

Danke und Cheers
Jan





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9 Kommentare

  1. Was mich ja mehr stört als die Kontaktaufnahme ohne Nachricht sind Ahnungslosigkeit und Dreistigkeit, die einem regelmäßig begegnen – im Vergleich zum Sourcing aber noch viel mehr im HR-sales: da können einfachste Rückfragen zum Produkt nicht beantwortet werden (man soll dazu bitte mit dem Consultant telefonieren, hier geht es nur um den lead) oder mein aktuelles Highlight – Mail an 4 Kollegen, keinerlei Anrede, dafür unvermittelte Eröffnung mit einem link zu glassdoor. Danach Werbung für Zeitarbeit. Manchmal hab ich den Eindruck, Sales für HR-Dienstleistungen dürfen die machen, die bei Vorwerk in der Vorselektion zum Thermomix-Berater ausgeschieden sind. Da braucht man sich uber nichts mehr wundern.

  2. So traurig und so wahr.. copy paste Massenmails vermiesen denen, die personalisierte Nachrichten schreiben und sich viel Zeit für jede Nachricht nehmen, den Markt. Letztens habe ich jemandem erklären wollen was ein „Talent Sourcer“ macht. Er unterbrach mich und meinte „Ach du bist so eine die am Tag tausend Nachrichten an alle Entwickler rausschickt? Deshalb lese ich einfach gar keine Inmails mehr.“
    Leider denke ich, dass die Grabschaufler nicht auf Branchenkollegen gucken und solche guten Beiträge wie deinen zu wenig schätzen..
    DENNOCH: wunderbar ist es, wenn Kandidaten sich ganz begeistert zurück melden, weil sie das Gefühl haben, dass endlich mal jemand individuell auf sie eingegangen ist und nicht blind drauf los spamartige Briefchen verteilt 🙂

  3. Hallo Jan,

    vielen Dank für deinen Beitrag. Gerade weil er so emotional ist, kommt er genau richtig an!! Wir überdenken in jedem Fall unsere Vorgehensweise erneut und gehen in uns.

    VG Thomas

  4. Mein lieber Jan
    Was gibt es da noch zu sagen!? Zuerst einmal war ich baff, je länger dein Blogbeitrag wurde. Ich fühlte mich bestätigt, was ich selber regelmässig erlebe.
    Du hast es klar auf den Punkt gebracht. So kann es nicht weitergehen. So meiden die wirklich Affinen die Social Media Kanäle und reagieren gar nicht mehr auf Anfragen – auch wenn die Direktansprache wirklich gut ist, die Message stimmt, das Angebot interessant ist. Verschiedene Entscheidungsträger haben mir gesagt, dass Sie das mit LinkedIn, Xing und Co. teils nicht mehr mitmachen. Sie wollen nicht ständig „zugemüllt„ werden, was für sie nicht relevant ist.
    Was soll danach kommen, wenn es heute in die falsche Richtung läuft?

  5. Jan. Auf den Punkt. Dafür braucht es eben Menschen wie dich und viele andere, die wachrütteln. Post and Pray, Source and pray… Nein. Nachdenken. Das ist es, wofür wir Mensch sind. Und darum bestehen auch noch Chancen! Reflektieren, analysieren und handeln!

  6. Hallo Jan,

    zunächst vielen Dank für deinen Artikel der auch mir aus der Seele spricht.
    Auch ich bekomme immer wieder solche Standartanfragen. Da ich mich auch über solche Anfragen ärgere bin ich dazu übergegangen diese zu beantworten und versuche bei meinem gegenüber das Bewusstsein dafür zu schaffen wie die Anfrage bei mir ankommt. Vielleicht sende ich deinen Blogpost auch in Zukunft den Sourcern zu. Vieleicht ändert sich ja etwas 🙂

    VG Ruben

  7. Lieber Jan,
    dein Artikel trifft die Thematik wirklich haargenau auf den Punkt!
    Deshalb gilt für alle: Change the way we recruit 😉

  8. Danke für den spannenden Beitrag, Jan!
    Ich bin der Meinung, dass Active Sourcing auf Bewerberseite ein „Erlebnis“ sein sollte. (Wo wir beim Thema Candidate Experience wären!)

    Ein persönliches und authentisches Anschreiben ist daher unabdingbar. Und das Recruiterherz springt gleich höher, wenn KandidatInnen zurückschreiben und sich für die tolle persönliche Nachricht bedanken! 🙂
    LG, Kenny

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